Kategorie: Bildung

  • Was bleibt, wenn ich nicht im Raum bin

    Was bleibt, wenn ich nicht im Raum bin

    Im Rahmen der 34. CEEMAN Annual Conference in Bukarest wurde mir der CEEMAN Champion Award in der Kategorie Teacher of the Year 2026 überreicht. CEEMAN ist ein internationaler Verband für Managemententwicklung mit rund 200 Mitgliedsinstitutionen aus über 50 Ländern und würdigt mit den Champion Awards jährlich Leistungen in Lehre, Forschung, Responsible Management Education und Hochschulmanagement.

    Was die Jury hervorhebt

    In der Begründung steht ein Punkt im Mittelpunkt, der mir selbst der wichtigste ist: Meine Studierenden analysieren keine vorbereiteten Fallstudien, sondern arbeiten an einer Entscheidung, die sie tatsächlich betrifft. Sie klären ihre Ziele, entwickeln daraus Handlungsalternativen, schätzen Konsequenzen ab und wägen Zielkonflikte bewusst ab. Unterstützt wird das durch das Entscheidungsnavi, das ich gemeinsam mit Rüdiger von Nitzsch entwickelt habe.

    Warum mir die Verankerung wichtiger ist als der Kurs

    Ein Kurs, der an einer Person hängt, endet mit dieser Person. Eine Methode, die nur funktioniert, wenn ihr Urheber sie erklärt, ist keine Methode, sondern eine Person. Und für Studierende, die den Kurs nicht belegen, bleibt er folgenlos — das sind immer die meisten.

    Deshalb freut mich an dieser Auszeichnung besonders, dass sie nicht eine einzelne Lehrveranstaltung meint. Entscheidungskompetenz wird am MCI inzwischen studiengangsübergreifend als eigenständige Kompetenz verstanden und im Assurance-of-Learning-Prozess überprüft. Sie ist damit nicht mehr mein Thema, sondern eines der Hochschule. Studierende begegnen ihr unabhängig davon, ob sie sich dafür entschieden haben.

    Wohin das führen soll

    Damit ist ein Zwischenschritt erreicht, nicht das Ziel. Ich halte Entscheidungskompetenz für einen Future Skill in demselben Sinn wie Datenkompetenz oder wissenschaftliches Arbeiten: eine Fähigkeit, die jedes Studium vermitteln sollte, unabhängig vom Fach.

    Das Argument dafür ist schlicht. Jeder Mensch trifft im Studium und danach Entscheidungen, die den weiteren Weg prägen — über Schwerpunkte, Berufseinstieg, Ortswechsel, später über Verantwortung für andere. Wir setzen bislang voraus, dass man das kann. Trainingsstudien zeigen, dass man es lernen kann. Zwischen beidem liegt eine Lücke, die Hochschulen schließen könnten.

    Was dafür fehlt, ist keine Methode — die gibt es. Es fehlt die Selbstverständlichkeit, mit der wir andere Querschnittskompetenzen im Curriculum verankern. Dass eine solche Verankerung an einer Hochschule funktioniert, zeigt, dass es geht.

    Und darüber hinaus

    Dieselben Konzepte liegen KLUGentscheiden! zugrunde, einer Initiative zur Förderung der Entscheidungskompetenz von Jugendlichen; mehr als 500 Lehrkräfte wurden inzwischen darin geschult. Auch in der öffentlichen Berufsberatung sollen sie künftig zum Einsatz kommen und mehrere tausend Beraterinnen und Berater erreichen.

    Mein Dank gilt CEEMAN und der Jury, den Kolleginnen und Kollegen am MCI, die die curriculare Verankerung mitgetragen haben — und den Studierenden, die ihre eigenen Entscheidungen einbringen und damit erst zeigen, ob die Methode etwas taugt.

    Zum Preis

    CEEMAN Champion Award – Teacher of the Year 2026, verliehen von CEEMAN – International Association for Management Development in Dynamic Societies, im Rahmen der 34. CEEMAN Annual Conference, am 24. September 2026 in Bukarest. → https://www.ceeman.org/competitions-awards/ceeman-champion-awards/champions-2026

  • Studienerfolg beginnt vor der ersten Vorlesung

    Studienerfolg beginnt vor der ersten Vorlesung

    Warum Studienabbrüche selten im Studium beginnen – und was Hochschulen daraus ableiten sollten.

    Wenn Studierende ihr Fach wechseln oder abbrechen, suchen wir die Ursachen meist im Studium: Prüfungsdruck, Betreuung, mangelnde Passung. Das greift zu kurz. Viele dieser Verläufe haben eine Vorgeschichte, die vor der ersten Vorlesung beginnt. Junge Menschen treffen eine weitreichende Bildungsentscheidung, ohne je gelernt zu haben, wie man dabei fundiert vorgeht. In der aktuellen Ausgabe von Forschung & Lehre (9/2026) plädiere ich dafür, Entscheidungskompetenz nicht als Sonderangebot für Unsichere zu verstehen, sondern als akademische Querschnittskompetenz.

    Die eigentliche Frage steht vor dem Vergleich

    „Ich schwanke zwischen BWL und VWL, aber Sportökonomie finde ich auch spannend.“ Naheliegend wäre, jetzt Studiengänge zu vergleichen. Die bessere Frage lautet: Welche Entscheidung steht hier eigentlich an? „Welches Fach soll ich studieren?“ führt zu einem anderen Suchprozess als „Welcher Bildungsweg passt zu meinen Zielen, Fähigkeiten und Lebensvorstellungen?“ Die zweite Frage öffnet den Blick – verglichen werden nicht mehr Fächer, sondern Wege in eine gewünschte Zukunft.

    Ziele zuerst, Alternativen danach

    Sind die Ziele geklärt, verändert sich auch die Suche nach Alternativen. Dann geht es nicht mehr nur um das Fach der Freunde oder die Hochschule in der Nähe. Ziele helfen, weitere Alternativen zu entwickeln und die Informationen zu identifizieren, die man für eine realistische Folgenabschätzung braucht. Am Ende bleiben häufig Zielkonflikte: fachlich attraktiv, aber weit entfernt; gute Berufsaussichten, aber wenige inhaltliche Anknüpfungspunkte. Solche Konflikte sollten nicht verdrängt, sondern explizit benannt werden.

    Mehr Information allein hilft hier begrenzt. Wer die eigene Entscheidungssituation nicht strukturieren kann, gewinnt durch zusätzliche Informationen nicht automatisch Orientierung.

    Entscheidungskompetenz ist trainierbar

    Das ist die gute Nachricht. Menschen erkennen in wichtigen Entscheidungssituationen häufig nur einen Teil ihrer relevanten Ziele und Alternativen – aber diese Fähigkeiten lassen sich gezielt stärken. In einer Studie im European Journal of Operational Research konnten wir zeigen, dass ein strukturiertes Training proaktive kognitive Entscheidungsfähigkeiten nachhaltig verbessert.

    Eine Aufgabe für das ganze System, nicht für eine Stelle

    Wenn Entscheidungskompetenz Voraussetzung erfolgreicher Bildungsverläufe ist, darf sie nicht von einer einzigen Stelle abhängen. Ihre Förderung muss vor dem Studium beginnen, in der Beratung aufgegriffen und im Studium weiterentwickelt werden. Hochschulen gestalten über Fristen, Wahlmöglichkeiten, Modulstrukturen und Studiengangsbeschreibungen ohnehin eine Entscheidungsarchitektur – ob bewusst oder nicht. Konkrete Ansatzpunkte sind Module in der Studieneingangsphase, Reflexionsaufgaben im Studium Generale, digitale Hilfen bei der Schwerpunktwahl oder strukturierte Formate in Studienberatung und Career Services. Sie ersetzen bestehende Angebote nicht, sondern machen sie wirksamer.

    Abbruch ist nicht gleich Scheitern

    Eine gute Hochschule sollte nicht jeden Studienabbruch verhindern, sondern Studierende befähigen, rechtzeitig zu erkennen, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Eine fundierte Wahl kann auch zu einem Fachwechsel, einer Ausbildung oder einem direkten Berufseinstieg führen. Problematisch ist nicht der Wechsel an sich, sondern wenn er aus vermeidbarer Orientierungslosigkeit, unklaren Zielen oder fehlender Kenntnis relevanter Alternativen entsteht.

    Studienerfolg beginnt nicht mit der ersten Prüfung. Er beginnt mit der Fähigkeit, den eigenen Bildungsweg bewusst zu wählen.

    Zum Beitrag Siebert, J. U. (2026). Den Blick öffnen. Mit Entscheidungskompetenz durch Studium und Berufseinstieg. Forschung & Lehre, 9/26, 52–53. ↗
    Literatur Siebert, J. U., Keeney, R. L. (2015). Creating More and Better Alternatives for Decisions Using Objectives. Operations Research, 63(5), 1144–1158. Siebert, J. U., Kunz, R., Rolf, P. (2021). Effects of decision training on individuals’ decision-making proactivity. European Journal of Operational Research, 294(1), 264–282.
  • Entscheidungskompetenz ist erlernbar – und prüfbar

    Entscheidungskompetenz ist erlernbar – und prüfbar

    Am 8. September wurde mir in Wien der Ars Docendi Anerkennungspreis des Bundesministeriums für Frauen, Wissenschaft und Forschung in der Kategorie „Gesellschafts- und nachhaltigkeitsorientierte Lehre“ verliehen – für das Lehrkonzept „Von Fachwissen zu Urteilsfähigkeit: Entscheidungskompetenz systematisch entwickeln“. Ich freue mich über die Anerkennung. Wichtiger als der Preis ist mir aber die Frage dahinter: Warum setzen wir in der Hochschullehre so selbstverständlich voraus, dass Studierende entscheiden können – und unterrichten es so selten?

    Was im Kurs passiert

    Über ein Semester hinweg bearbeiten Studierende reale Entscheidungsfragen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft: von logistischen Strategien bis zu nachhaltigkeits- und technologiebezogenen Herausforderungen. Sie klären ihre Ziele, entwickeln Handlungsoptionen, vergleichen ökonomische, soziale und ökologische Wirkungen und leiten daraus eine begründete Empfehlung ab.

    Der Unterschied zur klassischen Fallstudie liegt am Anfang. Dort ist das Problem vorgegeben und die Analyse offen – hier ist es umgekehrt. Die Studierenden müssen zuerst herausfinden, welche Entscheidung überhaupt ansteht und welche Ziele daran hängen. Erst danach lohnt sich das methodische Werkzeug.

    Kein didaktischer Anspruch, sondern eine überprüfbare Behauptung

    Studierende sollen nicht lernen, vermeintlich richtige Antworten zu reproduzieren, sondern unter Unsicherheit verantwortbare Entscheidungen zu treffen. Entscheidungskompetenz ist erlernbar, prüfbar und messbar. Das ist keine Programmatik: Es lässt sich in den Erhebungen zur Lehrveranstaltung nachweisen.

    Curricular verankert, nicht als Wahlangebot

    Ein Lehrkonzept wirkt nur, wenn es nicht vom Zufall der Kurswahl abhängt. „Responsible Decision Making“ zählt am MCI zu den Learning Goals der Bachelorstudiengänge und wird im Assurance-of-Learning-Prozess der Akkreditierungsorganisation AACSB überprüft. Das ausgezeichnete Konzept ist in sechs Bachelorstudiengängen verankert und erreicht damit nicht nur die ohnehin Interessierten.

    Was Studierende mitnehmen

    „Was ich in dieser Lehrveranstaltung gelernt habe, wende ich bis heute an. Ich gehe komplexe Entscheidungen anders an als vorher – strukturierter und mit mehr Klarheit darüber, was mir eigentlich wichtig ist.“Julian Pfurtscheller, Vorsitzender der ÖH MCI und ehemaliger Student

    Was die Auszeichnung sagt – und was nicht

    Der Ars Docendi Anerkennungspreis würdigt ein einzelnes Lehrkonzept. Das ist ein anderer Gegenstand als die Auszeichnungen, die im selben Zeitraum dazugekommen sind. Der internationale Verband für Managemententwicklung CEEMAN hat mir am 24. September in Bukarest den Champion Award in der Kategorie „Teacher of the Year 2026“ verliehen – dieser bezieht sich auf die Lehrleistung insgesamt. Die Society of Decision Professionals hat mein Engagement in der Weiterentwicklung und Anwendung der Entscheidungsanalyse mit dem Inspirational Achievement Award anerkannt, die International Academy of Information Technology and Quantitative Management meine Forschung mit dem Richard Price Award.

    Vier Auszeichnungen, vier verschiedene Gegenstände. Was sie verbindet, ist die Überzeugung, dass Entscheiden eine Fähigkeit ist und keine Charaktereigenschaft.

    Wer entscheiden lernt, wird nicht sicherer. Aber begründeter.

    Zur Auszeichnung Ars Docendi – Staatspreis für exzellente Lehre. Anerkennungspreis in der Kategorie „Gesellschafts- und nachhaltigkeitsorientierte Lehre“, verliehen vom Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung am 8. September 2026 in Wien. Offizielles Preisträgerprofil ↗    ·   Pressemeldung ↗  
  • Lehre wird über Methoden beschrieben. Beurteilt werden sollte sie an Zielen.

    Lehre wird über Methoden beschrieben. Beurteilt werden sollte sie an Zielen.

    Ich stand auf der Shortlist für den European Award for Excellence in Teaching in the Social Sciences and Humanities. Die Central European University vergibt ihn seit 2011 an Lehrende im Europäischen Hochschulraum, verbunden mit dem Diener-Preis über 5.000 Euro. Ausgezeichnet wurde Anfang September eine andere Kandidatin. Der Ausgang beschäftigt mich weniger als etwas, das mir beim Zusammenstellen der Unterlagen aufgefallen ist.

    Ein Dossier zwingt zum Aufschreiben

    Für eine solche Bewerbung muss man die eigene Lehre dokumentieren: Kursbeschreibungen, Evaluationskonzepte, Rückmeldungen von Studierenden und von Kolleginnen und Kollegen, eine Darstellung der eigenen Lehrauffassung. Wer das tut, liest zwangsläufig auch andere Lehrkonzepte, Ausschreibungstexte und Akkreditierungsunterlagen. Dabei fällt eine Regelmäßigkeit auf: Fast alle beschreiben zuerst, wie unterrichtet wird — Blended Learning, projektbasiertes Arbeiten, digitale Werkzeuge — und erst danach, wozu das führen soll. Häufig bleibt der zweite Teil implizit.

    Der Unterschied zwischen Mittel und Ziel

    In der Entscheidungsanalyse ist diese Unterscheidung zentral. Ein Fundamentalziel ist das, was man um seiner selbst willen anstrebt. Ein Mittelziel ist nur deshalb wichtig, weil es zu einem Fundamentalziel beiträgt. Flipped Classroom, Peer Feedback, KI-gestützte Werkzeuge: alles Mittel. Sie sind austauschbar, sobald etwas Besseres verfügbar ist.

    Die Reihenfolge ist nicht bloß eine Frage der Darstellung. Sie bestimmt, welche Alternativen überhaupt in den Blick geraten.

    Wer bei den Methoden beginnt, variiert das, was er ohnehin kennt. Wer bei den Zielen beginnt, kommt auf Alternativen, die im Methodenkatalog nicht vorkommen.

    Das können andere Prüfungsformate sein, andere Aufgabenstellungen, mitunter auch die Erkenntnis, dass ein Inhalt im Curriculum nichts verloren hat.

    Die Frage, die vorne stehen müsste

    Was sollen Absolventinnen und Absolventen können, das sie ohne dieses Studium nicht könnten? Meine Antwort: Sie sollten eine Entscheidung unter Unsicherheit so strukturieren können, dass sie sie vor sich selbst und vor anderen begründen können. Fachwissen ist dafür Voraussetzung, nicht Ergebnis. Aus dieser Antwort folgt anderes als aus einem Methodenkatalog: Prüfungen, in denen Studierende eine eigene Entscheidung dokumentieren, statt Modelle zu reproduzieren; Projekte an Fragen ohne bekannte Lösung; Kriterien, die den Prozess betreffen und nicht das Ergebnis.

    Ich halte diese Reihenfolge für den Punkt, an dem sich Lehrentwicklung entscheidet.

    Was bleibt

    Der Nutzen solcher Verfahren liegt für mich nicht in ihrem Ausgang, sondern im Zwang zur Explizitheit. Man muss aufschreiben, was man sonst voraussetzt, und merkt dabei, wo die Begründung dünn wird. Dafür braucht es keinen Preis. Es genügt, eine eigene Lehrveranstaltungsbeschreibung einmal mit einer einzigen Frage zu lesen: Steht dort, wozu das alles gut sein soll — oder nur, wie es gemacht wird?

    Zum Preis: European Award for Excellence in Teaching in the Social Sciences and Humanities, vergeben von der Central European University — elkana.ceu.edu

    Weiterführend: MCI-Meldung vom 29.09.2025 zur Shortlist-Nominierung

  • Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel

    Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel

    Beim 2. Bildungs-Summit der Unternehmerverbände Niedersachsen habe ich einen Impuls zu der Frage gehalten, die in der Berufsorientierung meist übersprungen wird: Junge Menschen lernen viel darüber, welche Wege es gibt – aber kaum etwas darüber, wie man zwischen ihnen entscheidet.

    Vortrag: Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel – Berufliche Orientierung durch Entscheidungsanalyse
    Veranstaltung: 2. UVN Bildungs-Summit „Berufsorientierung als Schlüssel zum Erfolg“
    Datum und Ort: 19. März 2025, Karriere-Campus Hannover
    Veranstalter: Unternehmerverbände Niedersachsen e.V. (UVN)
    Veranstaltungsseite der UVN  ·  Aufzeichnung des Summits

    Rund 250 Gäste aus Wirtschaft, Schule und Politik waren am Karriere-Campus in Hannover zusammengekommen. Welches Gewicht das Thema in Niedersachsen hat, zeigte auch die politische Besetzung: Mit Kultusministerin Julia Willie Hamburg und Wirtschaftsminister Olaf Lies – inzwischen Ministerpräsident des Landes – nahmen zwei Landesminister am Summit teil.

    Aufschieben ist auch eine Entscheidung

    Etwa ein Drittel der Jugendlichen bricht Ausbildung oder Studium nach kurzer Zeit wieder ab – mit Folgen für den Fachkräftebedarf und mit erheblicher Belastung für die Betroffenen selbst. Ein Grund dafür wird selten benannt: Viele junge Menschen sehen Entscheidungen als Probleme, die man lösen muss. Probleme lösen ist unangenehm – also schiebt man sie auf. Irgendwann schließt sich das Zeitfenster, und es bleibt nur noch das Übriggebliebene. Oder man macht „erst mal nichts“, und auf das erste „erst mal nichts“ folgt ein zweites.

    Wir müssen junge Menschen nicht nur für Berufe begeistern, sondern auch für ihre Berufs- und Studienwahl.

    Entscheidungskompetenz ist der fehlende Baustein

    Praktika, Check-U, Jobmessen, Tage der offenen Tür: Die bestehenden Angebote leisten viel, und sie haben eines gemeinsam – sie erweitern die Wahlmöglichkeiten. Die Wahl selbst nehmen sie niemandem ab. Dafür braucht es die Fähigkeit, eigenständig und fundiert zu entscheiden. Entscheidungskompetenz ist deshalb keine Konkurrenz zur bestehenden Berufsorientierung, sondern der Baustein, der sie erst wirksam macht.

    Wie das konkret geht, habe ich am Beispiel von KLUGentscheiden gezeigt, das ich als Forschungsprojekt an der Universität Bayreuth initiiert habe. Mit Methoden der Entscheidungsanalyse zerlegen wir gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern ihre Entscheidung in bewältigbare Teilschritte: Ziele klären, Handlungsalternativen entwickeln, beides zusammenbringen. Die Analyse unterstützt unser digitales Tool KLUGnavi. Die Evaluation zeigt, dass die Jugendlichen die Berufs- und Studienwahl danach als weniger schwierig wahrnehmen und sich als proaktiver und selbstwirksamer einschätzen (Siebert, Becker & Oeser, 2023, Decision Sciences Journal of Innovative Education 21(1), 10–25).

    Der Engpass liegt bei der Verankerung

    Das Interesse der Lehrkräfte ist groß – allein in Bayern haben wir über 400 von ihnen als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren fortgebildet, die Materialien stehen kostenlos zur Verfügung. Die eigentliche Hürde kommt danach: Gerade die engagiertesten Lehrkräfte stoßen bei der dauerhaften Verankerung an ihrer Schule auf Widerstände.

    Wie es gehen kann, zeigt das Saarland. Dort läuft mit „KLUGentscheiden! goes Saar“ ein von den gesetzlichen Krankenkassen gefördertes Projekt, das gemeinsam mit dem Landesamt für Pädagogik und Medien und dem Ministerium für Bildung und Kultur bis 2027 genau daran arbeitet: Materialien an unterschiedliche Zeitmodelle anpassen, Lehrkräfte über Train-the-Trainer befähigen und die Durchführung in die Hände der Schulen legen. Genau diese Form der strukturellen Verankerung braucht es – und genau darüber habe ich in Hannover gesprochen.

    Mehr zu Materialien und Fortbildungen: klugentscheiden.org

  • Making a good career choice: A decision-analytical intervention to enhance proactive decision-making and career choice self-efficacy in high school students

    Making a good career choice: A decision-analytical intervention to enhance proactive decision-making and career choice self-efficacy in high school students

    Am Ende der Schule stehen Jugendliche vor der ersten lebensverändernden Entscheidung, was sie nach dem Schulabschluss machen wollen. Für diese Entscheidungen müssen die Jugendlichen in der Lage sein, gute Entscheidungen zu treffen. Die meisten Schulen haben jedoch noch keine Entscheidungstrainings in ihre Lehrpläne aufgenommen. Um diese Lücke zu schließen, wurde eine neue Intervention mit dem Namen „KLUGentscheiden!“ entwickelt, um komplexe Entscheidungsfindungen bei Oberstufenschülern zu trainieren.

    Die Intervention zielt auf drei Schlüsselkomponenten einer guten Entscheidungsfindung ab: die Vorstellung der eigenen Ziele, die Identifizierung relevanter Alternativen und der Vergleich der identifizierten Alternativen durch eine gewichtete Bewertung. Wir gingen davon aus, dass ein erfolgreiches Training dieser entscheidungsanalytischen Schritte die selbst wahrgenommenen proaktiven Entscheidungsfähigkeiten verbessern sollte. Darüber hinaus sollte das Training auch die selbst eingeschätzte Selbstwirksamkeit bei der Berufswahl erhöhen.

    Die Intervention wurde in einer pseudorandomisierten Kontrollstudie mit 193 Oberschülern evaluiert. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe konnte die Interventionsgruppe die proaktiven Entscheidungsfähigkeiten und die Selbstwirksamkeit bei der Berufswahl signifikant steigern. Obwohl verschiedene Langzeitevaluierungen noch ausstehen, stellt die Intervention KLUGentscheiden! ein wichtiges Instrument zur Schulung komplexer Entscheidungsfindungen bei Oberstufenschülern dar. Sie kann auch auf andere Berufswahlentscheidungen junger Menschen angewandt werden, z. B. auf die Wahl von Studienfächern, einer Abschlussarbeit, eines Arbeitsplatzes oder eines Berufsfeldes.

    Siebert, J. U., Becker, M., & Oeser, N. (2023). Making a good career choice: A decision-analytical intervention to enhance proactive decision-making and career choice self-efficacy in high school students. Decision Sciences Journal of Innovative Education, 21(1), 10–25. https://doi.org/10.1111/dsji.12280

  • Klug entscheiden lernen: Studien zeigen Einfluss von Schulungen auf das Entscheidungsverhalten

    Klug entscheiden lernen: Studien zeigen Einfluss von Schulungen auf das Entscheidungsverhalten

    Veröffentlichungen

    Johannes Ulrich Siebert, Reinhard E. Kunz, Philipp Rolf. Effects of decision training on individuals’ decision-making proactivity. European Journal of Operational Research (2021), DOI: https://doi.org/10.1016/j.ejor.2021.01.010

    Johannes Ulrich Siebert, Reinhard E. Kunz, Philipp Rolf: Effects of proactive decision making on life satisfaction. European Journal of Operational Research (2020), 280, 1171-1187. DOI: https://doi.org/10.1016/j.ejor.2019.08.011 

    Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 020/2021 vom 15.02.2021

    Wer in wichtigen privaten und beruflichen Fragen kluge Entscheidungen trifft, erhöht die Chancen auf größere Lebenszufriedenheit. Die dafür erforderlichen kognitiven Fähigkeiten lassen sich durch Schulungen signifikant steigern. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler der Universität Bayreuth in aktuellen empirischen Studien, die im „European Journal of Operational Research“ erschienen sind. Mehrwöchige Kurse mit Teilnehmer*innen verschiedener Alters- und Berufsgruppen stärkten nachweislich deren Fähigkeit, in schwierigen Entscheidungssituationen eine gut überlegte Wahl zu treffen.

    Sind die kognitiven Fähigkeiten, die ein proaktives kluges Entscheidungsverhalten stärken, zu schwach ausgeprägt, kommt es zu Fehlentscheidungen, genauer: zur Wahl suboptimaler Handlungsoptionen. Nicht selten werden dadurch die Lebensqualität und die Lebenszufriedenheit dauerhaft beeinträchtigt. Schulungen, die sowohl die Vermittlung von Grundlagenwissen als auch praktische Übungen einschließen, können jedoch das Entscheidungsverhalten deutlich verbessern – und zwar genau dadurch, dass sie kognitive Fähigkeiten stärken. Dazu zählen vor allem die Fähigkeiten, Entscheidungssituationen vorausschauend und proaktiv anzugehen, Klarheit über eigene Ziele zu gewinnen, erfolgversprechende Optionen zu identifizieren und durch kluges Abwägen eine bestmögliche Wahl zu treffen. Dies hat ein Forschungsteam der Universität Bayreuth in mehrjährigen Untersuchungen herausgefunden. Daran beteiligt waren PD Dr. Johannes Siebert, Philipp Rolf sowie der ehemalige Juniorprofessor Dr. Reinhard Kunz, der jetzt eine Professur an der Universität zu Köln innehat.

    Schulungsveranstaltungen können allerdings nicht die Charaktereigenschaften verändern, die – neben den kognitiven Fähigkeiten – ebenfalls einen wesentlichen Einfluss auf das Entscheidungsverhalten haben. „Langfristig wirksame Dispositionen, wie etwa das Streben nach Selbstoptimierung oder eine initiativfreudige Einstellung zum Leben, können sich offensichtlich nicht innerhalb weniger Wochen oder Monate aufgrund von Schulungen herausbilden“, erklärt Siebert, der sich in Bayreuth habilitiert hat und derzeit am Management Center Innsbruck forscht und unterrichtet.

    In einer Vorgängerstudie haben die Bayreuther Wissenschaftler nachweisen können, dass kluges proaktives Entscheidungsverhalten die Lebenszufriedenheit erheblich fördern kann. Entscheidend ist dabei nicht allein die Fähigkeit, vorgegebene Handlungsoptionen umsichtig zu bewerten und gegeneinander abzuwägen, sondern auch die Fähigkeit, selbständig weitere Optionen zu entdecken oder sogar neu zu schaffen. „Unsere Studien zeigen deutlich: Wie sehr wir mit unserem Leben zufrieden sind, hängt keineswegs nur von Gegebenheiten ab, denen wir ausgeliefert sind, ohne sie beeinflussen zu können. Ein proaktives Entscheidungsverhalten hilft uns dabei, neue und bessere Handlungsoptionen zu erschließen und dadurch die eigene Lebensqualität zu stärken. Weil wir die dafür nötigen Fähigkeiten gezielt trainieren können, liegt es auch in unserer Hand, ob wir uns zu zufriedenen Menschen entwickeln“, sagt Philipp Rolf, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Produktionswirtschaft und Industriebetriebslehre der Universität Bayreuth.

    Die neuen Erkenntnisse über die Stärkung der für gute Entscheidungen wichtigen kognitiven Eigenschaften sind aus der wissenschaftlichen Begleitung und Auswertung von drei mehrwöchigen Veranstaltungen hervorgegangen: Ein Online-Kurs zur Qualität von Entscheidungen wurde in Zusammenarbeit mit einer renommierten US-amerikanischen Universität durchgeführt, eine Vorlesung zur Entscheidungstheorie fand an einer Technischen Universität in Deutschland statt, Lehrveranstaltungen am Management Center Innsbruck in Österreich legten einen Schwerpunkt auf die systematische Strukturierung und Lösen von Entscheidungssituationen. Die insgesamt mehr als 1.000 Teilnehmer*innen gehörten unterschiedlichen Alters- und Berufsgruppen an und bildeten so ein breites gesellschaftliches Spektrum ab. „Alle drei Kurse haben die Fähigkeit der Teilnehmenden, durch proaktives und kluges Überlegen zu richtigen Entscheidungen zu gelangen, nachweislich gestärkt – und zwar unabhängig von ihrer Alters- und Geschlechtszugehörigkeit oder ihrer beruflichen Tätigkeit“, sagt Siebert.

    „KLUG entscheiden!“: Ein Schulprojekt in Oberfranken

    Die Ergebnisse der beiden Studien werden auch in das Schulprojekt „KLUG entscheiden!“ einfließen, das vor drei Jahren in Oberfranken und der Oberpfalz gestartet ist. Zahlreiche Schüler*innen wurden in Workshops bereits mit Erfolg dazu angeleitet, nach dem Schulabschluss eine gut begründete und weitsichtige Entscheidung für eine Ausbildung oder für ein Studium zu treffen. Darüber hinaus werden Lehrkräfte mit Grundlagen der Entscheidungstheorie vertraut gemacht und darin ausgebildet, die im Projekt erarbeiteten Inhalte in ihren Unterricht zu integrieren. Das Projekt befasst sich zugleich mit der Frage, wie Schulen ein solches Entscheidungsverhalten fördern können. „Erste Ergebnisse zeigen, dass auch Schülerinnen und Schüler ihre Entscheidungsfähigkeiten trainieren können und in der Folge ihre Berufswahlentscheidungen selbstbewusster angehen. Hieraus ergeben sich sehr interessante neue Ansatzpunkte für die Förderung junger Menschen“, resümiert Siebert. Das Projekt wird von der Rainer Markgraf Stiftung, der Adalbert-Raps-Stiftung und der Oberfrankenstiftung finanziell unterstützt und bis Ende 2021 in Zusammenarbeit mit der Universität Bayreuth fortgesetzt.


  • Verbesserung der Entscheidungskompetenz von Schülerinnen und Schülern

    Verbesserung der Entscheidungskompetenz von Schülerinnen und Schülern

    Die erste Entscheidung viele junge Menschen ist die, „was mache ich nach der Schule?“ Zumeist werden allenfalls unterschiedliche Möglichkeiten vorgestellt. Häufig wählen junge Menschen dann eine von den offensichtlichen oder von anderen Personen vorgeschlagenen Alternativen, ohne sich intensiver damit auseinanderzusetzen, was sie persönlich eigentlich wollen und was ihre Ziele sind. So hört man häufig von Jugendlichen: „Meine Mutter ist Ärztin, also studiere ich Medizin“, oder „Mein Vater ist Unternehmer. Ich studiere BWL“, oder aber auch „Meine Eltern haben nicht studiert. Ich soll auf keinen Fall den gleichen Fehler machen“. Grundsätzlich mögen diese Entscheidungen objektiv gesehen „vernünftig“ erscheinen; im Einzelfall ist es jedoch dringend notwendig, die Interessen, Wünsche und Voraussetzungen jedes/r Einzelnen individuell zu berücksichtigen.

    Vor der Wahl des Studienfaches sollte sich jeder die zentrale Frage stellen, ob Ausbildung oder Studium besser zu den Zielen und Wünschen eines jungen Menschen passen. Diese wird heute allerdings häufig komplett außen vorgelassen. In der Folge dessen und aufgrund von schlechten Vorabwägungen bei der Karriereentscheidung brachen im Jahr 2015 28 Prozent aller Bachelorstudierenden ihr Studium ab und 25 Prozent der Ausbildungsverträge wurden vorzeitig gekündigt. Neben ökonomischen Folgen wie etwa erhöhten Ausbildungskosten oder Fachkräftemangel kommt es auch zu teilweise erheblichen individuellen Folgen, da der Abbruch eines Ausbildungswegs oft als schweres Scheitern angesehen wird.

    In einem großen Forschungsprojekt in Nordbayern untersuchen wir, wie jungen Menschen am besten in Entscheidungskompetenz trainiert werden können, damit sie gut gerüstet sind, die Entscheidungen, die ihr Leben maßgeblich beeinflussen, besser und proaktiver treffen können. (www.KLUGentscheiden.de)