Schlagwort: Entscheidungskompetenz

  • Entscheidungskompetenz ist erlernbar – und prüfbar

    Entscheidungskompetenz ist erlernbar – und prüfbar

    Am 8. September wurde mir in Wien der Ars Docendi Anerkennungspreis des Bundesministeriums für Frauen, Wissenschaft und Forschung in der Kategorie „Gesellschafts- und nachhaltigkeitsorientierte Lehre“ verliehen – für das Lehrkonzept „Von Fachwissen zu Urteilsfähigkeit: Entscheidungskompetenz systematisch entwickeln“. Ich freue mich über die Anerkennung. Wichtiger als der Preis ist mir aber die Frage dahinter: Warum setzen wir in der Hochschullehre so selbstverständlich voraus, dass Studierende entscheiden können – und unterrichten es so selten?

    Was im Kurs passiert

    Über ein Semester hinweg bearbeiten Studierende reale Entscheidungsfragen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft: von logistischen Strategien bis zu nachhaltigkeits- und technologiebezogenen Herausforderungen. Sie klären ihre Ziele, entwickeln Handlungsoptionen, vergleichen ökonomische, soziale und ökologische Wirkungen und leiten daraus eine begründete Empfehlung ab.

    Der Unterschied zur klassischen Fallstudie liegt am Anfang. Dort ist das Problem vorgegeben und die Analyse offen – hier ist es umgekehrt. Die Studierenden müssen zuerst herausfinden, welche Entscheidung überhaupt ansteht und welche Ziele daran hängen. Erst danach lohnt sich das methodische Werkzeug.

    Kein didaktischer Anspruch, sondern eine überprüfbare Behauptung

    Studierende sollen nicht lernen, vermeintlich richtige Antworten zu reproduzieren, sondern unter Unsicherheit verantwortbare Entscheidungen zu treffen. Entscheidungskompetenz ist erlernbar, prüfbar und messbar. Das ist keine Programmatik: Es lässt sich in den Erhebungen zur Lehrveranstaltung nachweisen.

    Curricular verankert, nicht als Wahlangebot

    Ein Lehrkonzept wirkt nur, wenn es nicht vom Zufall der Kurswahl abhängt. „Responsible Decision Making“ zählt am MCI zu den Learning Goals der Bachelorstudiengänge und wird im Assurance-of-Learning-Prozess der Akkreditierungsorganisation AACSB überprüft. Das ausgezeichnete Konzept ist in sechs Bachelorstudiengängen verankert und erreicht damit nicht nur die ohnehin Interessierten.

    Was Studierende mitnehmen

    „Was ich in dieser Lehrveranstaltung gelernt habe, wende ich bis heute an. Ich gehe komplexe Entscheidungen anders an als vorher – strukturierter und mit mehr Klarheit darüber, was mir eigentlich wichtig ist.“Julian Pfurtscheller, Vorsitzender der ÖH MCI und ehemaliger Student

    Was die Auszeichnung sagt – und was nicht

    Der Ars Docendi Anerkennungspreis würdigt ein einzelnes Lehrkonzept. Das ist ein anderer Gegenstand als die Auszeichnungen, die im selben Zeitraum dazugekommen sind. Die internationale Hochschulvereinigung CEEMAN verleiht mir am 24. September in Bukarest den Champion Award in der Kategorie „Teacher of the Year 2026“ – dieser bezieht sich auf die Lehrleistung insgesamt. Die Society of Decision Professionals hat mein Engagement in der Weiterentwicklung und Anwendung der Entscheidungsanalyse mit dem Inspirational Achievement Award anerkannt, die International Academy of Information Technology and Quantitative Management meine Forschung mit dem Richard Price Award.

    Vier Auszeichnungen, vier verschiedene Gegenstände. Was sie verbindet, ist die Überzeugung, dass Entscheiden eine Fähigkeit ist und keine Charaktereigenschaft.

    Wer entscheiden lernt, wird nicht sicherer. Aber begründeter.

    Zur Auszeichnung Ars Docendi – Staatspreis für exzellente Lehre. Anerkennungspreis in der Kategorie „Gesellschafts- und nachhaltigkeitsorientierte Lehre“, verliehen vom Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung am 8. September 2026 in Wien. Broschüre →    ·   Pressemeldung →  
  • Lehre wird über Methoden beschrieben. Beurteilt werden sollte sie an Zielen.

    Lehre wird über Methoden beschrieben. Beurteilt werden sollte sie an Zielen.

    Ich stand auf der Shortlist für den European Award for Excellence in Teaching in the Social Sciences and Humanities. Die Central European University vergibt ihn seit 2011 an Lehrende im Europäischen Hochschulraum, verbunden mit dem Diener-Preis über 5.000 Euro. Ausgezeichnet wurde Anfang September eine andere Kandidatin. Der Ausgang beschäftigt mich weniger als etwas, das mir beim Zusammenstellen der Unterlagen aufgefallen ist.

    Ein Dossier zwingt zum Aufschreiben

    Für eine solche Bewerbung muss man die eigene Lehre dokumentieren: Kursbeschreibungen, Evaluationskonzepte, Rückmeldungen von Studierenden und von Kolleginnen und Kollegen, eine Darstellung der eigenen Lehrauffassung. Wer das tut, liest zwangsläufig auch andere Lehrkonzepte, Ausschreibungstexte und Akkreditierungsunterlagen. Dabei fällt eine Regelmäßigkeit auf: Fast alle beschreiben zuerst, wie unterrichtet wird — Blended Learning, projektbasiertes Arbeiten, digitale Werkzeuge — und erst danach, wozu das führen soll. Häufig bleibt der zweite Teil implizit.

    Der Unterschied zwischen Mittel und Ziel

    In der Entscheidungsanalyse ist diese Unterscheidung zentral. Ein Fundamentalziel ist das, was man um seiner selbst willen anstrebt. Ein Mittelziel ist nur deshalb wichtig, weil es zu einem Fundamentalziel beiträgt. Flipped Classroom, Peer Feedback, KI-gestützte Werkzeuge: alles Mittel. Sie sind austauschbar, sobald etwas Besseres verfügbar ist.

    Die Reihenfolge ist nicht bloß eine Frage der Darstellung. Sie bestimmt, welche Alternativen überhaupt in den Blick geraten.

    Wer bei den Methoden beginnt, variiert das, was er ohnehin kennt. Wer bei den Zielen beginnt, kommt auf Alternativen, die im Methodenkatalog nicht vorkommen.

    Das können andere Prüfungsformate sein, andere Aufgabenstellungen, mitunter auch die Erkenntnis, dass ein Inhalt im Curriculum nichts verloren hat.

    Die Frage, die vorne stehen müsste

    Was sollen Absolventinnen und Absolventen können, das sie ohne dieses Studium nicht könnten? Meine Antwort: Sie sollten eine Entscheidung unter Unsicherheit so strukturieren können, dass sie sie vor sich selbst und vor anderen begründen können. Fachwissen ist dafür Voraussetzung, nicht Ergebnis. Aus dieser Antwort folgt anderes als aus einem Methodenkatalog: Prüfungen, in denen Studierende eine eigene Entscheidung dokumentieren, statt Modelle zu reproduzieren; Projekte an Fragen ohne bekannte Lösung; Kriterien, die den Prozess betreffen und nicht das Ergebnis.

    Ich halte diese Reihenfolge für den Punkt, an dem sich Lehrentwicklung entscheidet.

    Was bleibt

    Der Nutzen solcher Verfahren liegt für mich nicht in ihrem Ausgang, sondern im Zwang zur Explizitheit. Man muss aufschreiben, was man sonst voraussetzt, und merkt dabei, wo die Begründung dünn wird. Dafür braucht es keinen Preis. Es genügt, eine eigene Lehrveranstaltungsbeschreibung einmal mit einer einzigen Frage zu lesen: Steht dort, wozu das alles gut sein soll — oder nur, wie es gemacht wird?

    Zum Preis: European Award for Excellence in Teaching in the Social Sciences and Humanities, vergeben von der Central European University — elkana.ceu.edu

    Weiterführend: MCI-Meldung vom 29.09.2025 zur Shortlist-Nominierung

  • Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel

    Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel

    Beim 2. Bildungs-Summit der Unternehmerverbände Niedersachsen habe ich einen Impuls zu der Frage gehalten, die in der Berufsorientierung meist übersprungen wird: Junge Menschen lernen viel darüber, welche Wege es gibt – aber kaum etwas darüber, wie man zwischen ihnen entscheidet.

    Vortrag: Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel – Berufliche Orientierung durch Entscheidungsanalyse
    Veranstaltung: 2. UVN Bildungs-Summit „Berufsorientierung als Schlüssel zum Erfolg“
    Datum und Ort: 19. März 2025, Karriere-Campus Hannover
    Veranstalter: Unternehmerverbände Niedersachsen e.V. (UVN)
    Veranstaltungsseite der UVN  ·  Aufzeichnung des Summits

    Rund 250 Gäste aus Wirtschaft, Schule und Politik waren am Karriere-Campus in Hannover zusammengekommen. Welches Gewicht das Thema in Niedersachsen hat, zeigte auch die politische Besetzung: Mit Kultusministerin Julia Willie Hamburg und Wirtschaftsminister Olaf Lies – inzwischen Ministerpräsident des Landes – nahmen zwei Landesminister am Summit teil.

    Aufschieben ist auch eine Entscheidung

    Etwa ein Drittel der Jugendlichen bricht Ausbildung oder Studium nach kurzer Zeit wieder ab – mit Folgen für den Fachkräftebedarf und mit erheblicher Belastung für die Betroffenen selbst. Ein Grund dafür wird selten benannt: Viele junge Menschen sehen Entscheidungen als Probleme, die man lösen muss. Probleme lösen ist unangenehm – also schiebt man sie auf. Irgendwann schließt sich das Zeitfenster, und es bleibt nur noch das Übriggebliebene. Oder man macht „erst mal nichts“, und auf das erste „erst mal nichts“ folgt ein zweites.

    Wir müssen junge Menschen nicht nur für Berufe begeistern, sondern auch für ihre Berufs- und Studienwahl.

    Entscheidungskompetenz ist der fehlende Baustein

    Praktika, Check-U, Jobmessen, Tage der offenen Tür: Die bestehenden Angebote leisten viel, und sie haben eines gemeinsam – sie erweitern die Wahlmöglichkeiten. Die Wahl selbst nehmen sie niemandem ab. Dafür braucht es die Fähigkeit, eigenständig und fundiert zu entscheiden. Entscheidungskompetenz ist deshalb keine Konkurrenz zur bestehenden Berufsorientierung, sondern der Baustein, der sie erst wirksam macht.

    Wie das konkret geht, habe ich am Beispiel von KLUGentscheiden gezeigt, das ich als Forschungsprojekt an der Universität Bayreuth initiiert habe. Mit Methoden der Entscheidungsanalyse zerlegen wir gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern ihre Entscheidung in bewältigbare Teilschritte: Ziele klären, Handlungsalternativen entwickeln, beides zusammenbringen. Die Analyse unterstützt unser digitales Tool KLUGnavi. Die Evaluation zeigt, dass die Jugendlichen die Berufs- und Studienwahl danach als weniger schwierig wahrnehmen und sich als proaktiver und selbstwirksamer einschätzen (Siebert, Becker & Oeser, 2023, Decision Sciences Journal of Innovative Education 21(1), 10–25).

    Der Engpass liegt bei der Verankerung

    Das Interesse der Lehrkräfte ist groß – allein in Bayern haben wir über 400 von ihnen als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren fortgebildet, die Materialien stehen kostenlos zur Verfügung. Die eigentliche Hürde kommt danach: Gerade die engagiertesten Lehrkräfte stoßen bei der dauerhaften Verankerung an ihrer Schule auf Widerstände.

    Wie es gehen kann, zeigt das Saarland. Dort läuft mit „KLUGentscheiden! goes Saar“ ein von den gesetzlichen Krankenkassen gefördertes Projekt, das gemeinsam mit dem Landesamt für Pädagogik und Medien und dem Ministerium für Bildung und Kultur bis 2027 genau daran arbeitet: Materialien an unterschiedliche Zeitmodelle anpassen, Lehrkräfte über Train-the-Trainer befähigen und die Durchführung in die Hände der Schulen legen. Genau diese Form der strukturellen Verankerung braucht es – und genau darüber habe ich in Hannover gesprochen.

    Mehr zu Materialien und Fortbildungen: klugentscheiden.org