Schlagwort: Entscheidungskompetenz

  • Was bleibt, wenn ich nicht im Raum bin

    Was bleibt, wenn ich nicht im Raum bin

    Im Rahmen der 34. CEEMAN Annual Conference in Bukarest wurde mir der CEEMAN Champion Award in der Kategorie Teacher of the Year 2026 überreicht. CEEMAN ist ein internationaler Verband für Managemententwicklung mit rund 200 Mitgliedsinstitutionen aus über 50 Ländern und würdigt mit den Champion Awards jährlich Leistungen in Lehre, Forschung, Responsible Management Education und Hochschulmanagement.

    Was die Jury hervorhebt

    In der Begründung steht ein Punkt im Mittelpunkt, der mir selbst der wichtigste ist: Meine Studierenden analysieren keine vorbereiteten Fallstudien, sondern arbeiten an einer Entscheidung, die sie tatsächlich betrifft. Sie klären ihre Ziele, entwickeln daraus Handlungsalternativen, schätzen Konsequenzen ab und wägen Zielkonflikte bewusst ab. Unterstützt wird das durch das Entscheidungsnavi, das ich gemeinsam mit Rüdiger von Nitzsch entwickelt habe.

    Warum mir die Verankerung wichtiger ist als der Kurs

    Ein Kurs, der an einer Person hängt, endet mit dieser Person. Eine Methode, die nur funktioniert, wenn ihr Urheber sie erklärt, ist keine Methode, sondern eine Person. Und für Studierende, die den Kurs nicht belegen, bleibt er folgenlos — das sind immer die meisten.

    Deshalb freut mich an dieser Auszeichnung besonders, dass sie nicht eine einzelne Lehrveranstaltung meint. Entscheidungskompetenz wird am MCI inzwischen studiengangsübergreifend als eigenständige Kompetenz verstanden und im Assurance-of-Learning-Prozess überprüft. Sie ist damit nicht mehr mein Thema, sondern eines der Hochschule. Studierende begegnen ihr unabhängig davon, ob sie sich dafür entschieden haben.

    Wohin das führen soll

    Damit ist ein Zwischenschritt erreicht, nicht das Ziel. Ich halte Entscheidungskompetenz für einen Future Skill in demselben Sinn wie Datenkompetenz oder wissenschaftliches Arbeiten: eine Fähigkeit, die jedes Studium vermitteln sollte, unabhängig vom Fach.

    Das Argument dafür ist schlicht. Jeder Mensch trifft im Studium und danach Entscheidungen, die den weiteren Weg prägen — über Schwerpunkte, Berufseinstieg, Ortswechsel, später über Verantwortung für andere. Wir setzen bislang voraus, dass man das kann. Trainingsstudien zeigen, dass man es lernen kann. Zwischen beidem liegt eine Lücke, die Hochschulen schließen könnten.

    Was dafür fehlt, ist keine Methode — die gibt es. Es fehlt die Selbstverständlichkeit, mit der wir andere Querschnittskompetenzen im Curriculum verankern. Dass eine solche Verankerung an einer Hochschule funktioniert, zeigt, dass es geht.

    Und darüber hinaus

    Dieselben Konzepte liegen KLUGentscheiden! zugrunde, einer Initiative zur Förderung der Entscheidungskompetenz von Jugendlichen; mehr als 500 Lehrkräfte wurden inzwischen darin geschult. Auch in der öffentlichen Berufsberatung sollen sie künftig zum Einsatz kommen und mehrere tausend Beraterinnen und Berater erreichen.

    Mein Dank gilt CEEMAN und der Jury, den Kolleginnen und Kollegen am MCI, die die curriculare Verankerung mitgetragen haben — und den Studierenden, die ihre eigenen Entscheidungen einbringen und damit erst zeigen, ob die Methode etwas taugt.

    Zum Preis

    CEEMAN Champion Award – Teacher of the Year 2026, verliehen von CEEMAN – International Association for Management Development in Dynamic Societies, im Rahmen der 34. CEEMAN Annual Conference, am 24. September 2026 in Bukarest. → https://www.ceeman.org/competitions-awards/ceeman-champion-awards/champions-2026

  • Studienerfolg beginnt vor der ersten Vorlesung

    Studienerfolg beginnt vor der ersten Vorlesung

    Warum Studienabbrüche selten im Studium beginnen – und was Hochschulen daraus ableiten sollten.

    Wenn Studierende ihr Fach wechseln oder abbrechen, suchen wir die Ursachen meist im Studium: Prüfungsdruck, Betreuung, mangelnde Passung. Das greift zu kurz. Viele dieser Verläufe haben eine Vorgeschichte, die vor der ersten Vorlesung beginnt. Junge Menschen treffen eine weitreichende Bildungsentscheidung, ohne je gelernt zu haben, wie man dabei fundiert vorgeht. In der aktuellen Ausgabe von Forschung & Lehre (9/2026) plädiere ich dafür, Entscheidungskompetenz nicht als Sonderangebot für Unsichere zu verstehen, sondern als akademische Querschnittskompetenz.

    Die eigentliche Frage steht vor dem Vergleich

    „Ich schwanke zwischen BWL und VWL, aber Sportökonomie finde ich auch spannend.“ Naheliegend wäre, jetzt Studiengänge zu vergleichen. Die bessere Frage lautet: Welche Entscheidung steht hier eigentlich an? „Welches Fach soll ich studieren?“ führt zu einem anderen Suchprozess als „Welcher Bildungsweg passt zu meinen Zielen, Fähigkeiten und Lebensvorstellungen?“ Die zweite Frage öffnet den Blick – verglichen werden nicht mehr Fächer, sondern Wege in eine gewünschte Zukunft.

    Ziele zuerst, Alternativen danach

    Sind die Ziele geklärt, verändert sich auch die Suche nach Alternativen. Dann geht es nicht mehr nur um das Fach der Freunde oder die Hochschule in der Nähe. Ziele helfen, weitere Alternativen zu entwickeln und die Informationen zu identifizieren, die man für eine realistische Folgenabschätzung braucht. Am Ende bleiben häufig Zielkonflikte: fachlich attraktiv, aber weit entfernt; gute Berufsaussichten, aber wenige inhaltliche Anknüpfungspunkte. Solche Konflikte sollten nicht verdrängt, sondern explizit benannt werden.

    Mehr Information allein hilft hier begrenzt. Wer die eigene Entscheidungssituation nicht strukturieren kann, gewinnt durch zusätzliche Informationen nicht automatisch Orientierung.

    Entscheidungskompetenz ist trainierbar

    Das ist die gute Nachricht. Menschen erkennen in wichtigen Entscheidungssituationen häufig nur einen Teil ihrer relevanten Ziele und Alternativen – aber diese Fähigkeiten lassen sich gezielt stärken. In einer Studie im European Journal of Operational Research konnten wir zeigen, dass ein strukturiertes Training proaktive kognitive Entscheidungsfähigkeiten nachhaltig verbessert.

    Eine Aufgabe für das ganze System, nicht für eine Stelle

    Wenn Entscheidungskompetenz Voraussetzung erfolgreicher Bildungsverläufe ist, darf sie nicht von einer einzigen Stelle abhängen. Ihre Förderung muss vor dem Studium beginnen, in der Beratung aufgegriffen und im Studium weiterentwickelt werden. Hochschulen gestalten über Fristen, Wahlmöglichkeiten, Modulstrukturen und Studiengangsbeschreibungen ohnehin eine Entscheidungsarchitektur – ob bewusst oder nicht. Konkrete Ansatzpunkte sind Module in der Studieneingangsphase, Reflexionsaufgaben im Studium Generale, digitale Hilfen bei der Schwerpunktwahl oder strukturierte Formate in Studienberatung und Career Services. Sie ersetzen bestehende Angebote nicht, sondern machen sie wirksamer.

    Abbruch ist nicht gleich Scheitern

    Eine gute Hochschule sollte nicht jeden Studienabbruch verhindern, sondern Studierende befähigen, rechtzeitig zu erkennen, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Eine fundierte Wahl kann auch zu einem Fachwechsel, einer Ausbildung oder einem direkten Berufseinstieg führen. Problematisch ist nicht der Wechsel an sich, sondern wenn er aus vermeidbarer Orientierungslosigkeit, unklaren Zielen oder fehlender Kenntnis relevanter Alternativen entsteht.

    Studienerfolg beginnt nicht mit der ersten Prüfung. Er beginnt mit der Fähigkeit, den eigenen Bildungsweg bewusst zu wählen.

    Zum Beitrag Siebert, J. U. (2026). Den Blick öffnen. Mit Entscheidungskompetenz durch Studium und Berufseinstieg. Forschung & Lehre, 9/26, 52–53. ↗
    Literatur Siebert, J. U., Keeney, R. L. (2015). Creating More and Better Alternatives for Decisions Using Objectives. Operations Research, 63(5), 1144–1158. Siebert, J. U., Kunz, R., Rolf, P. (2021). Effects of decision training on individuals’ decision-making proactivity. European Journal of Operational Research, 294(1), 264–282.
  • Entscheidungskompetenz ist erlernbar – und prüfbar

    Entscheidungskompetenz ist erlernbar – und prüfbar

    Am 8. September wurde mir in Wien der Ars Docendi Anerkennungspreis des Bundesministeriums für Frauen, Wissenschaft und Forschung in der Kategorie „Gesellschafts- und nachhaltigkeitsorientierte Lehre“ verliehen – für das Lehrkonzept „Von Fachwissen zu Urteilsfähigkeit: Entscheidungskompetenz systematisch entwickeln“. Ich freue mich über die Anerkennung. Wichtiger als der Preis ist mir aber die Frage dahinter: Warum setzen wir in der Hochschullehre so selbstverständlich voraus, dass Studierende entscheiden können – und unterrichten es so selten?

    Was im Kurs passiert

    Über ein Semester hinweg bearbeiten Studierende reale Entscheidungsfragen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft: von logistischen Strategien bis zu nachhaltigkeits- und technologiebezogenen Herausforderungen. Sie klären ihre Ziele, entwickeln Handlungsoptionen, vergleichen ökonomische, soziale und ökologische Wirkungen und leiten daraus eine begründete Empfehlung ab.

    Der Unterschied zur klassischen Fallstudie liegt am Anfang. Dort ist das Problem vorgegeben und die Analyse offen – hier ist es umgekehrt. Die Studierenden müssen zuerst herausfinden, welche Entscheidung überhaupt ansteht und welche Ziele daran hängen. Erst danach lohnt sich das methodische Werkzeug.

    Kein didaktischer Anspruch, sondern eine überprüfbare Behauptung

    Studierende sollen nicht lernen, vermeintlich richtige Antworten zu reproduzieren, sondern unter Unsicherheit verantwortbare Entscheidungen zu treffen. Entscheidungskompetenz ist erlernbar, prüfbar und messbar. Das ist keine Programmatik: Es lässt sich in den Erhebungen zur Lehrveranstaltung nachweisen.

    Curricular verankert, nicht als Wahlangebot

    Ein Lehrkonzept wirkt nur, wenn es nicht vom Zufall der Kurswahl abhängt. „Responsible Decision Making“ zählt am MCI zu den Learning Goals der Bachelorstudiengänge und wird im Assurance-of-Learning-Prozess der Akkreditierungsorganisation AACSB überprüft. Das ausgezeichnete Konzept ist in sechs Bachelorstudiengängen verankert und erreicht damit nicht nur die ohnehin Interessierten.

    Was Studierende mitnehmen

    „Was ich in dieser Lehrveranstaltung gelernt habe, wende ich bis heute an. Ich gehe komplexe Entscheidungen anders an als vorher – strukturierter und mit mehr Klarheit darüber, was mir eigentlich wichtig ist.“Julian Pfurtscheller, Vorsitzender der ÖH MCI und ehemaliger Student

    Was die Auszeichnung sagt – und was nicht

    Der Ars Docendi Anerkennungspreis würdigt ein einzelnes Lehrkonzept. Das ist ein anderer Gegenstand als die Auszeichnungen, die im selben Zeitraum dazugekommen sind. Der internationale Verband für Managemententwicklung CEEMAN hat mir am 24. September in Bukarest den Champion Award in der Kategorie „Teacher of the Year 2026“ verliehen – dieser bezieht sich auf die Lehrleistung insgesamt. Die Society of Decision Professionals hat mein Engagement in der Weiterentwicklung und Anwendung der Entscheidungsanalyse mit dem Inspirational Achievement Award anerkannt, die International Academy of Information Technology and Quantitative Management meine Forschung mit dem Richard Price Award.

    Vier Auszeichnungen, vier verschiedene Gegenstände. Was sie verbindet, ist die Überzeugung, dass Entscheiden eine Fähigkeit ist und keine Charaktereigenschaft.

    Wer entscheiden lernt, wird nicht sicherer. Aber begründeter.

    Zur Auszeichnung Ars Docendi – Staatspreis für exzellente Lehre. Anerkennungspreis in der Kategorie „Gesellschafts- und nachhaltigkeitsorientierte Lehre“, verliehen vom Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung am 8. September 2026 in Wien. Offizielles Preisträgerprofil ↗    ·   Pressemeldung ↗  
  • Lehre wird über Methoden beschrieben. Beurteilt werden sollte sie an Zielen.

    Lehre wird über Methoden beschrieben. Beurteilt werden sollte sie an Zielen.

    Ich stand auf der Shortlist für den European Award for Excellence in Teaching in the Social Sciences and Humanities. Die Central European University vergibt ihn seit 2011 an Lehrende im Europäischen Hochschulraum, verbunden mit dem Diener-Preis über 5.000 Euro. Ausgezeichnet wurde Anfang September eine andere Kandidatin. Der Ausgang beschäftigt mich weniger als etwas, das mir beim Zusammenstellen der Unterlagen aufgefallen ist.

    Ein Dossier zwingt zum Aufschreiben

    Für eine solche Bewerbung muss man die eigene Lehre dokumentieren: Kursbeschreibungen, Evaluationskonzepte, Rückmeldungen von Studierenden und von Kolleginnen und Kollegen, eine Darstellung der eigenen Lehrauffassung. Wer das tut, liest zwangsläufig auch andere Lehrkonzepte, Ausschreibungstexte und Akkreditierungsunterlagen. Dabei fällt eine Regelmäßigkeit auf: Fast alle beschreiben zuerst, wie unterrichtet wird — Blended Learning, projektbasiertes Arbeiten, digitale Werkzeuge — und erst danach, wozu das führen soll. Häufig bleibt der zweite Teil implizit.

    Der Unterschied zwischen Mittel und Ziel

    In der Entscheidungsanalyse ist diese Unterscheidung zentral. Ein Fundamentalziel ist das, was man um seiner selbst willen anstrebt. Ein Mittelziel ist nur deshalb wichtig, weil es zu einem Fundamentalziel beiträgt. Flipped Classroom, Peer Feedback, KI-gestützte Werkzeuge: alles Mittel. Sie sind austauschbar, sobald etwas Besseres verfügbar ist.

    Die Reihenfolge ist nicht bloß eine Frage der Darstellung. Sie bestimmt, welche Alternativen überhaupt in den Blick geraten.

    Wer bei den Methoden beginnt, variiert das, was er ohnehin kennt. Wer bei den Zielen beginnt, kommt auf Alternativen, die im Methodenkatalog nicht vorkommen.

    Das können andere Prüfungsformate sein, andere Aufgabenstellungen, mitunter auch die Erkenntnis, dass ein Inhalt im Curriculum nichts verloren hat.

    Die Frage, die vorne stehen müsste

    Was sollen Absolventinnen und Absolventen können, das sie ohne dieses Studium nicht könnten? Meine Antwort: Sie sollten eine Entscheidung unter Unsicherheit so strukturieren können, dass sie sie vor sich selbst und vor anderen begründen können. Fachwissen ist dafür Voraussetzung, nicht Ergebnis. Aus dieser Antwort folgt anderes als aus einem Methodenkatalog: Prüfungen, in denen Studierende eine eigene Entscheidung dokumentieren, statt Modelle zu reproduzieren; Projekte an Fragen ohne bekannte Lösung; Kriterien, die den Prozess betreffen und nicht das Ergebnis.

    Ich halte diese Reihenfolge für den Punkt, an dem sich Lehrentwicklung entscheidet.

    Was bleibt

    Der Nutzen solcher Verfahren liegt für mich nicht in ihrem Ausgang, sondern im Zwang zur Explizitheit. Man muss aufschreiben, was man sonst voraussetzt, und merkt dabei, wo die Begründung dünn wird. Dafür braucht es keinen Preis. Es genügt, eine eigene Lehrveranstaltungsbeschreibung einmal mit einer einzigen Frage zu lesen: Steht dort, wozu das alles gut sein soll — oder nur, wie es gemacht wird?

    Zum Preis: European Award for Excellence in Teaching in the Social Sciences and Humanities, vergeben von der Central European University — elkana.ceu.edu

    Weiterführend: MCI-Meldung vom 29.09.2025 zur Shortlist-Nominierung

  • Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel

    Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel

    Beim 2. Bildungs-Summit der Unternehmerverbände Niedersachsen habe ich einen Impuls zu der Frage gehalten, die in der Berufsorientierung meist übersprungen wird: Junge Menschen lernen viel darüber, welche Wege es gibt – aber kaum etwas darüber, wie man zwischen ihnen entscheidet.

    Vortrag: Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel – Berufliche Orientierung durch Entscheidungsanalyse
    Veranstaltung: 2. UVN Bildungs-Summit „Berufsorientierung als Schlüssel zum Erfolg“
    Datum und Ort: 19. März 2025, Karriere-Campus Hannover
    Veranstalter: Unternehmerverbände Niedersachsen e.V. (UVN)
    Veranstaltungsseite der UVN  ·  Aufzeichnung des Summits

    Rund 250 Gäste aus Wirtschaft, Schule und Politik waren am Karriere-Campus in Hannover zusammengekommen. Welches Gewicht das Thema in Niedersachsen hat, zeigte auch die politische Besetzung: Mit Kultusministerin Julia Willie Hamburg und Wirtschaftsminister Olaf Lies – inzwischen Ministerpräsident des Landes – nahmen zwei Landesminister am Summit teil.

    Aufschieben ist auch eine Entscheidung

    Etwa ein Drittel der Jugendlichen bricht Ausbildung oder Studium nach kurzer Zeit wieder ab – mit Folgen für den Fachkräftebedarf und mit erheblicher Belastung für die Betroffenen selbst. Ein Grund dafür wird selten benannt: Viele junge Menschen sehen Entscheidungen als Probleme, die man lösen muss. Probleme lösen ist unangenehm – also schiebt man sie auf. Irgendwann schließt sich das Zeitfenster, und es bleibt nur noch das Übriggebliebene. Oder man macht „erst mal nichts“, und auf das erste „erst mal nichts“ folgt ein zweites.

    Wir müssen junge Menschen nicht nur für Berufe begeistern, sondern auch für ihre Berufs- und Studienwahl.

    Entscheidungskompetenz ist der fehlende Baustein

    Praktika, Check-U, Jobmessen, Tage der offenen Tür: Die bestehenden Angebote leisten viel, und sie haben eines gemeinsam – sie erweitern die Wahlmöglichkeiten. Die Wahl selbst nehmen sie niemandem ab. Dafür braucht es die Fähigkeit, eigenständig und fundiert zu entscheiden. Entscheidungskompetenz ist deshalb keine Konkurrenz zur bestehenden Berufsorientierung, sondern der Baustein, der sie erst wirksam macht.

    Wie das konkret geht, habe ich am Beispiel von KLUGentscheiden gezeigt, das ich als Forschungsprojekt an der Universität Bayreuth initiiert habe. Mit Methoden der Entscheidungsanalyse zerlegen wir gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern ihre Entscheidung in bewältigbare Teilschritte: Ziele klären, Handlungsalternativen entwickeln, beides zusammenbringen. Die Analyse unterstützt unser digitales Tool KLUGnavi. Die Evaluation zeigt, dass die Jugendlichen die Berufs- und Studienwahl danach als weniger schwierig wahrnehmen und sich als proaktiver und selbstwirksamer einschätzen (Siebert, Becker & Oeser, 2023, Decision Sciences Journal of Innovative Education 21(1), 10–25).

    Der Engpass liegt bei der Verankerung

    Das Interesse der Lehrkräfte ist groß – allein in Bayern haben wir über 400 von ihnen als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren fortgebildet, die Materialien stehen kostenlos zur Verfügung. Die eigentliche Hürde kommt danach: Gerade die engagiertesten Lehrkräfte stoßen bei der dauerhaften Verankerung an ihrer Schule auf Widerstände.

    Wie es gehen kann, zeigt das Saarland. Dort läuft mit „KLUGentscheiden! goes Saar“ ein von den gesetzlichen Krankenkassen gefördertes Projekt, das gemeinsam mit dem Landesamt für Pädagogik und Medien und dem Ministerium für Bildung und Kultur bis 2027 genau daran arbeitet: Materialien an unterschiedliche Zeitmodelle anpassen, Lehrkräfte über Train-the-Trainer befähigen und die Durchführung in die Hände der Schulen legen. Genau diese Form der strukturellen Verankerung braucht es – und genau darüber habe ich in Hannover gesprochen.

    Mehr zu Materialien und Fortbildungen: klugentscheiden.org

  • Generation A – Jungen Menschen Entscheidungen erleichtern

    Generation A – Jungen Menschen Entscheidungen erleichtern

    BAYREUTH. Können junge Menschen überhaupt selbst für sich entscheiden – und gut für sich entscheiden? Natürlich, sagt Prof. Johannes Siebert, und hat eine Aufgabe für die Zuhörer: Ein Jugendlicher möchte am Wochenende mit seinen Freunden Computer spielen. „Durchzocken“, nennen es die jungen Leute. Allerdings hat er im vergangenen Jahr nicht die beste schulische Leistung gezeigt – und gerade nach dem Zock-Wochenende läuft eine wichtige Prüfung in Mathematik. Als Eltern erlauben oder nicht? Die Zuhörer sagen eindeutig nein. Was passiert in einer Familie? Die Eltern sagen, wenn Du versprichst, bis zum Zock-Wochenende jeden Tag mindestens zwei Stunden zu pauken, dann erlauben wir es. Aber wer trifft dann die Entscheidung? „Die Eltern“, sagt Siebert. Doch es gebe einen Weg für den jungen Menschen, selbst Kontrolle über die Entscheidung zu bekommen. Er kann selber vorschlagen, bis zum Donnerstag vor dem Zock- Wochenende zu lernen – und sich dann von seinen Eltern abhören zu lassen. Beherrscht er den Stoff, kann er zocken. Wenn nicht – fällt das Zocken aus.

    Johannes Siebert arbeitet am Management Center Innsbruck und ist Privatdozent an der Universität Bayreuth. Er berät das Pentagon und ist Kolumnist für das Magazin „Focus“. An der Bayreuther Uni ist er federführend beim Forschungsprojekt „Klug entscheiden!“. Sich klug zu entscheiden, sagt er, könne das Leben verändern. Deshalb will er die Entscheidungskompetenz von jungen Menschen stärken. Vereinfacht gesagt: Wenn junge Menschen gute Entscheidungen treffen können, können sie auch bessere Entscheidungen bei ihrer Ausbildung treffen. Das führe zu weniger Abbruch von Ausbildungen, Jugendliche scheitern weniger – und werden glücklicher.

    Weniger Handlungsoptionen gewünscht

    Klingt einfach und ist einfacher als gedacht. Das Projekt wird schon in vielen Schulen umgesetzt, in Kulmbach gibt es bald zwei „Leuchtturm-Schulen“. Schüler brechen komplexe Entscheidungen in kleine Teilschritte herunter. Problem: Die Kids würden „bombardiert“ mit Handlungsoptionen – etwa Zehntausende von Studienmöglichkeiten. „Aber wenn die Kompetenz fehlt“, mahnt Siebert, „gehen die ganzen Angebote ins Leere.“ Das Prinzip ist wie beim Online-Schuhhändler Zalando: Je mehr Kriterien man angibt, desto geringer die Auswahl. Bis der richtige Schuh rauskommt……

    Den vollständigen, exzellenten Beitrag von Chefreporter Otto Lapp vom Nordbayerichen Kurier finden Sie hier: https://www.kurier.de/inhalt.generation-a-lost-am-handy-oder-was.210c70c8-81d9-4def-a5a3-b36ea31fb743.html