Beim 2. Bildungs-Summit der Unternehmerverbände Niedersachsen habe ich einen Impuls zu der Frage gehalten, die in der Berufsorientierung meist übersprungen wird: Junge Menschen lernen viel darüber, welche Wege es gibt – aber kaum etwas darüber, wie man zwischen ihnen entscheidet.
Vortrag: Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel – Berufliche Orientierung durch Entscheidungsanalyse
Veranstaltung: 2. UVN Bildungs-Summit „Berufsorientierung als Schlüssel zum Erfolg“
Datum und Ort: 19. März 2025, Karriere-Campus Hannover
Veranstalter: Unternehmerverbände Niedersachsen e.V. (UVN)
Veranstaltungsseite der UVN · Aufzeichnung des Summits
Rund 250 Gäste aus Wirtschaft, Schule und Politik waren am Karriere-Campus in Hannover zusammengekommen. Welches Gewicht das Thema in Niedersachsen hat, zeigte auch die politische Besetzung: Mit Kultusministerin Julia Willie Hamburg und Wirtschaftsminister Olaf Lies – inzwischen Ministerpräsident des Landes – nahmen zwei Landesminister am Summit teil.
Aufschieben ist auch eine Entscheidung
Etwa ein Drittel der Jugendlichen bricht Ausbildung oder Studium nach kurzer Zeit wieder ab – mit Folgen für den Fachkräftebedarf und mit erheblicher Belastung für die Betroffenen selbst. Ein Grund dafür wird selten benannt: Viele junge Menschen sehen Entscheidungen als Probleme, die man lösen muss. Probleme lösen ist unangenehm – also schiebt man sie auf. Irgendwann schließt sich das Zeitfenster, und es bleibt nur noch das Übriggebliebene. Oder man macht „erst mal nichts“, und auf das erste „erst mal nichts“ folgt ein zweites.
Wir müssen junge Menschen nicht nur für Berufe begeistern, sondern auch für ihre Berufs- und Studienwahl.
Entscheidungskompetenz ist der fehlende Baustein
Praktika, Check-U, Jobmessen, Tage der offenen Tür: Die bestehenden Angebote leisten viel, und sie haben eines gemeinsam – sie erweitern die Wahlmöglichkeiten. Die Wahl selbst nehmen sie niemandem ab. Dafür braucht es die Fähigkeit, eigenständig und fundiert zu entscheiden. Entscheidungskompetenz ist deshalb keine Konkurrenz zur bestehenden Berufsorientierung, sondern der Baustein, der sie erst wirksam macht.
Wie das konkret geht, habe ich am Beispiel von KLUGentscheiden gezeigt, das ich als Forschungsprojekt an der Universität Bayreuth initiiert habe. Mit Methoden der Entscheidungsanalyse zerlegen wir gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern ihre Entscheidung in bewältigbare Teilschritte: Ziele klären, Handlungsalternativen entwickeln, beides zusammenbringen. Die Analyse unterstützt unser digitales Tool KLUGnavi. Die Evaluation zeigt, dass die Jugendlichen die Berufs- und Studienwahl danach als weniger schwierig wahrnehmen und sich als proaktiver und selbstwirksamer einschätzen (Siebert, Becker & Oeser, 2023, Decision Sciences Journal of Innovative Education 21(1), 10–25).
Der Engpass liegt bei der Verankerung
Das Interesse der Lehrkräfte ist groß – allein in Bayern haben wir über 400 von ihnen als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren fortgebildet, die Materialien stehen kostenlos zur Verfügung. Die eigentliche Hürde kommt danach: Gerade die engagiertesten Lehrkräfte stoßen bei der dauerhaften Verankerung an ihrer Schule auf Widerstände.
Wie es gehen kann, zeigt das Saarland. Dort läuft mit „KLUGentscheiden! goes Saar“ ein von den gesetzlichen Krankenkassen gefördertes Projekt, das gemeinsam mit dem Landesamt für Pädagogik und Medien und dem Ministerium für Bildung und Kultur bis 2027 genau daran arbeitet: Materialien an unterschiedliche Zeitmodelle anpassen, Lehrkräfte über Train-the-Trainer befähigen und die Durchführung in die Hände der Schulen legen. Genau diese Form der strukturellen Verankerung braucht es – und genau darüber habe ich in Hannover gesprochen.
Mehr zu Materialien und Fortbildungen: klugentscheiden.org

