Die kalifornische Verkehrsbehörde Caltrans investierte über das State Highway Operation and Protection Program (SHOPP) damals jährlich rund 2,3 Milliarden US-Dollar in Erhalt, Sicherheit und Sanierung von Highways und Brücken. Im September 2014 habe ich Caltrans gemeinsam mit Ralph Keeney dabei beraten, wie sich diese Projekte nachvollziehbarer priorisieren lassen.
Auftraggeber: California Department of Transportation (Caltrans), SHOPP Pilot Project
Zeitraum: September 2014
Rolle: Beratung in der Framing-Phase, gemeinsam mit Ralph Keeney
Ergebnis: Empfehlungsbericht „Recommendations about Decision-Making for Caltrans SHOPP Project Prioritization“ (Keeney & Siebert)
Methode: Value-Focused Thinking, Multi-Objective Decision Analysis
Ausgangslage
Bis dahin wurden SHOPP-Projekte über 31 Programme priorisiert. Ob ein Projekt Geld bekam, hing vor allem davon ab, welchem Programm es zugeordnet war und wie hoch dieses Programm im Ranking stand. Was ein Projekt tatsächlich bewirkt – über mehrere Anlagen hinweg und im Verhältnis zu seinen Kosten –, ließ sich so kaum abbilden. Caltrans hatte gerade eine neue Vision, Mission und neue Ziele formuliert und eine umfangreiche Liste möglicher Bewertungskriterien zusammengetragen. Die Frage war: Wie wird daraus eine Priorisierung, die logisch sauber und gegenüber Politik und Öffentlichkeit begründbar ist?
Was wir gemacht haben
Am 22. September 2014 haben Ralph Keeney und ich in Sacramento an einem Tag mehrere Gespräche geführt: mit dem Projektteam, mit den Verantwortlichen für Finanzen, Projektabwicklung, Instandhaltung und Planung, mit zwei District Directors und mit einem Vertreter der California Transportation Commission. Wir wollten verstehen, wie Entscheidungen im SHOPP bisher fallen und was sich die Führung von einem besseren Prozess erhofft. Unsere Empfehlungen haben wir anschließend in einem Bericht zusammengefasst. Drei davon halte ich bis heute für zentral.
Fundamentalziele statt Kriterienlisten
Die meisten gesammelten Kriterien waren Mittel zum Zweck, keine eigentlichen Ziele. Ein Beispiel:
Belag verbessern → Unfälle vermeiden → Leben retten
Nur das letzte Glied ist ein Fundamentalziel – etwas, das uns um seiner selbst willen wichtig ist. Wer Mittel- und Fundamentalziele gemeinsam bewertet, zählt denselben Nutzen doppelt. Die Fundamentalziele mussten wir dabei nicht neu erfinden: Sie ließen sich direkt aus den neuen Caltrans-Zielen ableiten – Sicherheit maximieren, Kosten minimieren, Störungen der Wirtschaft minimieren und Beeinträchtigungen minimieren. Zwei weitere Caltrans-Ziele, Systemleistung und organisatorische Exzellenz, hängen eher vom Gesamthandeln der Behörde ab als von der Auswahl einzelner Projekte und gehören deshalb nicht in die Projektbewertung.
Ziele messbar machen
Für jedes Fundamentalziel braucht es ein Attribut, das misst, wie gut eine Alternative es erreicht. Manchmal gibt es ein natürliches Maß, etwa Kosten in Dollar. Manchmal muss man auf ein Proxy-Maß ausweichen, etwa vermiedene Unfälle statt vermiedener Todesfälle. Und manchmal lohnt es sich, ein eigenes Maß zu konstruieren, das zum Beispiel Frontalzusammenstöße stärker gewichtet als leichtere Unfälle.
Gewichte über Tradeoffs, nicht über „Wichtigkeit“
Die Frage „Was ist wichtiger, Unfälle oder Kosten?“ hat keine sinnvolle Antwort. Ist ein vermiedener Unfall wichtiger als eine Milliarde Dollar? Wohl kaum. Wichtiger als tausend Dollar? Vermutlich schon. Sinnvoll ist nur die Frage, wie viel eine konkrete Veränderung bei einem Ziel im Vergleich zu einer konkreten Veränderung bei einem anderen wert ist. Setzt man etwa einen vermiedenen Unfall mit zwei Millionen Dollar gleich, dann schafft ein Projekt, das 120 Millionen Dollar kostet und 100 Unfälle vermeidet, einen Nettowert von umgerechnet 80 Millionen Dollar. Solche Werturteile lassen sich offenlegen, diskutieren und am Leitbild der Organisation überprüfen.
Was ich daraus mitgenommen habe
Der größte Hebel lag nicht in der Rechnung, sondern in der Frage davor: Was will die Organisation mit ihren Projekten eigentlich erreichen? Sind die Fundamentalziele klar, werden Datenbedarf, Gewichtung und Kommunikation deutlich einfacher. Eine gute Priorisierung beginnt mit Zielen, nicht mit Daten.
Nachtrag (September 2026): Das Caltrans-Team hat auf Grundlage unserer Empfehlungen und weiterer Empfehlungen von Lee Merkhofer bis Juni 2015 ein Priorisierungsmodell auf Basis der Multi-Objective Decision Analysis samt Prototyp entwickelt. Die Caltrans-Ziele, aus denen wir 2014 die Fundamentalziele abgeleitet haben, blieben bis 2020 die offiziellen Ziele der Behörde. Seither hat Caltrans sie in zwei Strategieplänen neu gefasst; Sicherheit steht bis heute an erster Stelle, und wirtschaftliche Prosperität ist inzwischen ein eigenes Ziel. Den Abschlussbericht des Pilotprojekts mit unserem Empfehlungsbericht im Anhang hat Caltrans veröffentlicht: SHOPP Pilot Project – Phase 1: A Framework for Project Prioritization (PDF, Anhang).
