Warum Studienabbrüche selten im Studium beginnen – und was Hochschulen daraus ableiten sollten.
Wenn Studierende ihr Fach wechseln oder abbrechen, suchen wir die Ursachen meist im Studium: Prüfungsdruck, Betreuung, mangelnde Passung. Das greift zu kurz. Viele dieser Verläufe haben eine Vorgeschichte, die vor der ersten Vorlesung beginnt. Junge Menschen treffen eine weitreichende Bildungsentscheidung, ohne je gelernt zu haben, wie man dabei fundiert vorgeht. In der aktuellen Ausgabe von Forschung & Lehre (9/2026) plädiere ich dafür, Entscheidungskompetenz nicht als Sonderangebot für Unsichere zu verstehen, sondern als akademische Querschnittskompetenz.
Die eigentliche Frage steht vor dem Vergleich
„Ich schwanke zwischen BWL und VWL, aber Sportökonomie finde ich auch spannend.“ Naheliegend wäre, jetzt Studiengänge zu vergleichen. Die bessere Frage lautet: Welche Entscheidung steht hier eigentlich an? „Welches Fach soll ich studieren?“ führt zu einem anderen Suchprozess als „Welcher Bildungsweg passt zu meinen Zielen, Fähigkeiten und Lebensvorstellungen?“ Die zweite Frage öffnet den Blick – verglichen werden nicht mehr Fächer, sondern Wege in eine gewünschte Zukunft.
Ziele zuerst, Alternativen danach
Sind die Ziele geklärt, verändert sich auch die Suche nach Alternativen. Dann geht es nicht mehr nur um das Fach der Freunde oder die Hochschule in der Nähe. Ziele helfen, weitere Alternativen zu entwickeln und die Informationen zu identifizieren, die man für eine realistische Folgenabschätzung braucht. Am Ende bleiben häufig Zielkonflikte: fachlich attraktiv, aber weit entfernt; gute Berufsaussichten, aber wenige inhaltliche Anknüpfungspunkte. Solche Konflikte sollten nicht verdrängt, sondern explizit benannt werden.
Mehr Information allein hilft hier begrenzt. Wer die eigene Entscheidungssituation nicht strukturieren kann, gewinnt durch zusätzliche Informationen nicht automatisch Orientierung.
Entscheidungskompetenz ist trainierbar
Das ist die gute Nachricht. Menschen erkennen in wichtigen Entscheidungssituationen häufig nur einen Teil ihrer relevanten Ziele und Alternativen – aber diese Fähigkeiten lassen sich gezielt stärken. In einer Studie im European Journal of Operational Research konnten wir zeigen, dass ein strukturiertes Training proaktive kognitive Entscheidungsfähigkeiten nachhaltig verbessert.
Eine Aufgabe für das ganze System, nicht für eine Stelle
Wenn Entscheidungskompetenz Voraussetzung erfolgreicher Bildungsverläufe ist, darf sie nicht von einer einzigen Stelle abhängen. Ihre Förderung muss vor dem Studium beginnen, in der Beratung aufgegriffen und im Studium weiterentwickelt werden. Hochschulen gestalten über Fristen, Wahlmöglichkeiten, Modulstrukturen und Studiengangsbeschreibungen ohnehin eine Entscheidungsarchitektur – ob bewusst oder nicht. Konkrete Ansatzpunkte sind Module in der Studieneingangsphase, Reflexionsaufgaben im Studium Generale, digitale Hilfen bei der Schwerpunktwahl oder strukturierte Formate in Studienberatung und Career Services. Sie ersetzen bestehende Angebote nicht, sondern machen sie wirksamer.
Abbruch ist nicht gleich Scheitern
Eine gute Hochschule sollte nicht jeden Studienabbruch verhindern, sondern Studierende befähigen, rechtzeitig zu erkennen, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Eine fundierte Wahl kann auch zu einem Fachwechsel, einer Ausbildung oder einem direkten Berufseinstieg führen. Problematisch ist nicht der Wechsel an sich, sondern wenn er aus vermeidbarer Orientierungslosigkeit, unklaren Zielen oder fehlender Kenntnis relevanter Alternativen entsteht.
Studienerfolg beginnt nicht mit der ersten Prüfung. Er beginnt mit der Fähigkeit, den eigenen Bildungsweg bewusst zu wählen.
| Zum Beitrag Siebert, J. U. (2026). Den Blick öffnen. Mit Entscheidungskompetenz durch Studium und Berufseinstieg. Forschung & Lehre, 9/26, 52–53. ↗ |
| Literatur Siebert, J. U., Keeney, R. L. (2015). Creating More and Better Alternatives for Decisions Using Objectives. Operations Research, 63(5), 1144–1158. Siebert, J. U., Kunz, R., Rolf, P. (2021). Effects of decision training on individuals’ decision-making proactivity. European Journal of Operational Research, 294(1), 264–282. |
